Interview mit Wotan Wilke Möhring

"Eine dramatische Erfahrung, wo ich einfach viel bringen musste."

Wotan Wilke Möhring spielt die Hauptrolle des Polizisten Michael Martens in dem deutschen Thriller Antikörper.


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Frage: Was ist das Besondere an der Figur Michael Martens?

Wotan Wilke Möhring: Deutsche Dorfpolizisten in Film oder Fernsehen sind ja meist gemütliche, in sich ruhende Typen. Hier ist das komplett anderes. An Martens nagt bereits seit über einem Jahr eine geheimnisvolle, unheilschwangere Vorgeschichte. Seine innerliche Zerrissenheit lässt ihn nicht zu Ruhe kommen. Er ist ein Getriebener, der hart sein will gegen sein Umfeld und seine Familie, gepaart mit Hingabe und Liebe seiner Ideale. Er begreift das Leben als Kampf: Mensch gegen Gott! Und den führt er mit Verbitterung und Freundlosigkeit.

Frage: Für Sie eine neuen Erfahrung?

Wotan Wilke Möhring: Auf jeden Fall. Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch, von daher musste ich mich erst mal damit auseinandersetzen, wie man die Hände faltet oder sich richtig bekreuzigt. Welche Rhythmen hat man, nach welchen Lebensmaßstäben lebt einer, der in einem einfachen Dorf als Musterkatholik bekannt ist? Das beeinflusst den gesamten Habitus, den Gang, die Sprache, den Blick. Das war meine Hauptaufgabe in der Vorbereitungsphase. Der intensive Austausch mit Regisseur Christian Alvart erwies sich dabei als sehr hilfreich, denn er hatte eine genaue Vorstellung von seinen Protagonisten.

Frage: Ein Regisseur also, der nichts dem Zufall überlassen hat?

Wotan Wilke Möhring: Genau. Normalerweise finden sich im fertigen Drehbuch immer wieder gravierende Ungereimtheiten oder man bekommt ständig neue Versionen. Hier wurde noch nicht mal ein Satz geändert. Das ganze war akribisch vorbereitet. Jede Szene war gescribbelt. Wir wussten lange vorher, welche und wie viele Einstellungen pro Tag gedreht werden. Da wurde fast nichts nachgebessert am Set. So konnten wir auch ein hohes Tempo hingelegen. Bis zu 50 Einstellungen pro Tag mit Cinemascope sind technisch der Wahnsinn. Das hat uns alle sehr beeindruckt.

Frage: Wann fiel die Entscheidung, zusammen an diesem Projekt arbeiten zu wollen?

Wotan Wilke Möhring: Die grundsätzliche Entscheidung für „Antikörper“ fiel über ein Jahr vor Drehbeginn. Seitdem gab es immer wieder Kontakte, bei denen wir uns über meine Rolle und das Drehbuch insgesamt ausgetauscht haben. Christian hat mir seine Vorstellungen dargelegt und wusste schon bald, dass ich den Charakter von Martens verinnerlicht hatte und er mich einfach laufen lassen konnte. Wir haben konkret durchgespielt, wie Martens diesen oder jenen Satz sagen würde. Durch diese enge Zusammenarbeit konnten wir auch die Wirkung auf den Zuschauer sehr gut abstimmen. Das lief wirklich optimal und war für mich eine Art Beweis, dass man sich gar nicht genau genug vorbereiten kann.

Frage: Haben Sie sich für die sehr emotionalen Begegnungen zwischen Michael Martens und Gabriel Engel besonders motiviert?

Wotan Wilke Möhring: Diese unmittelbare Anspannung entsteht spontan. Das ist direkte Arbeit am Set, wo man immer wieder mal rausgehen und durchatmen muss. Für den Augenblick empfindet man schließlich all das, was der arme Kerl gerade durchmacht. In den Verhörsituationen wirkt Engel wie ein geistiges Monstrum, also keins mit fünf Köpfen und Schlangenarmen. Das Böse überträgt sich als schleichende Krankheit; die immer weiter wuchert wie ein Krebsgeschwür. Aufgrund der sehr guten handwerklichen Vorarbeit konnte ich die Reaktionen von Martens frühzeitig im Kopf durchspielen.

Frage: Ihre bisherigen Filmografie ist weit gefächert – von der Komödie bis hin zum Thriller. Welche Position nimmt „Antikörper“ dort ein?

Wotan Wilke Möhring: Auf jeden Fall ein schweres Kaliber. Ich habe sieben, vielleicht acht Wochen gedreht und währenddessen das Drama von Martens durchlebt. Das geht an die Substanz. Ich wollte und musste in der Rolle drin bleiben, also ist man irgendwann selber schlecht drauf, zermartert, zieht sich zurück und vernachlässigt sein eigenes Leben. Wie bei allen guten Rollen geht das nicht spurlos an einem vorüber. Ich bin ja nicht auf einen besonderen Typ oder Charakter abonniert, doch bei „Antikörper“ ist definitiv etwas hängen geblieben. Eine dramatische Erfahrung, wo ich einfach viel bringen musste.

Wotan Wilke Möhring
Filmplakat


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